Sein Urgrossvater wanderte um 1895 für neue wirtschaftliche Perspektiven vom Goms nach Argentinien aus. Gustavo Andereggen ging während der argentinischen Hyperinflation um 1990 den umgekehrten Weg. Mit der Vinothek «Mi Tierra» teilt er heute in Rapperswil und Zürich seine Passion für argentinische Spitzenweine und andere Spezialitäten. Auch als Reiseleiter baut Gustavo Andereggen Brücken zwischen seinen beiden Heimaten.
Ihr Nachname weist auf die Walliser Herkunft Ihrer Familie hin. Sie sind aber in Argentinien geboren und aufgewachsen – mit welchem Bezug zur Schweiz?
Gustavo Andereggen: Ich hörte meinen Grossvater und Vater gelegentlich «Wallisertiitsch» sprechen, verstand aber damals selbst nur Spanisch. Mein Grossvater erzählte mir manchmal vom Leben im Goms, wo er die ersten sieben Lebensjahre verbracht hatte, bevor die Familie um 1895 nach San Jerónimo Norte auswanderte – ein kleiner Ort in der Provinz Santa Fe, wo heue noch viele Familien mit Walliser Wurzeln leben. Sie feiern den 1. August und pflegen Schweizer Brauchtum. Dort verbrachte ich einen Teil meiner Kindheit. Meine Eltern hatten ein grosses Haus. Wenn Besuch aus dem Wallis im Dorf war, lud mein Vater die Gäste zu uns ein. In Argentinien haben fast alle Familien Wurzeln in Europa. Mein Hintergrund war daher nicht exotisch, sondern typisch argentinisch.
Weshalb wanderten Sie im Alter von 27 Jahren in die Schweiz aus?
Ende der 1980er-Jahre erlebte Argentinien eine massive Inflation. Ich war damals im vierten Jahr meines Elektroingenieurstudiums und finanzierte die Ausbildung als selbstständiger Elektroinstallateur. In der Krise konnten meine Kunden die Rechnungen nicht mehr zahlen. Da entschied ich spontan, mein Glück in der Schweiz zu suchen. Ich hatte das Schweizer Bürgerrecht, aber nur einen einzigen Kontakt in Rapperswil. Den rief ich an. Er organisierte meine erste Unterkunft. Nach einer Woche hatte ich bereits einen ersten Job als Elektriker.
Heute sind Sie Weinhändler. Wie kamen Sie zu diesem Beruf?
Ich kochte bereits in meiner Jugend sehr gerne. Die Qualität eines guten Weins zum Essen entdeckte ich aber erst in der Schweiz in den 1990er-Jahren. Damals entwickelte sich der Weinbau in Argentinien sehr dynamisch. Die Impulse kamen von der Winzerfamilie Etchart. Sie holten den renommierten französischen Önologen Michel Rolland nach Mendoza. Rolland erkannte das enorme Potenzial für Spitzenweine und brachte Argentinien auf den Radar internationaler Weinproduzenten und Investoren – auch aus der Schweiz. Ich begann in der Freizeit argentinischen Wein zu vertreiben. Irgendwann sagte meine Frau, das gehe so nicht mehr neben meinem regulären Job. So kündigte ich 2001 meine Stelle bei Mettler Toledo und machte mich mit meiner Firma Mi Tierra selbstständig. Heute haben wir Vinotheken in Rapperswil und Zürich, wo wir auch Spezialitäten wie Mate anbieten und für Gruppen argentinisch kochen.
Sie schlagen auch als Reiseleiter Brücken zwischen der Schweiz und Argentinien. Wie kam es dazu?
Ich pflege seit Jahrzehnten Freundschaften zu argentinischen Winzerfamilien – so auch zur bereits erwähnten Familie Etchart. Ich kann interessierten Gästen die argentinische Weinkultur sehr persönlich und von Seiten näherbringen, wie sie andere Reisegruppen nie erleben werden. Und es macht mir Freude, mein Wissen und meine Passion zu teilen.
Die neue Argentinien-Rundreise von Vögele Reisen, die Sie mitgestaltet haben, dreht sich längst nicht nur um Wein. Was bietet sie sonst noch?
Wir werden nicht nur besondere Einblicke in einige der besten Weingüter in den Regionen Mendoza und Salta erhalten, sondern auch atemberaubende Landschaften erleben, die nur wenig bereist werden. Ich selbst fuhr die Route vor wenigen Jahren im Mietauto und dachte: «Wow, diese Gegenden will ich anderen Menschen erschliessen!» Ich bin sehr glücklich mit Vögele Reisen einen Partner gefunden zu haben, der diesen Traum möglich macht.
Welche landschaftlichen Highlights dürfen die Gäste erwarten?
Wir reisen durch unglaublich weite, abwechslungsreiche Landstriche: von den zerfurchten, roten Felswänden im Nationalpark Talampaya über die skulpturenartigen Steintürme in der surrealen Mondlandschaft von Ischigualasto, von wo übrigens einige Skelette des Dinosaurier-Museums in Aathal stammen, bis zu den bunten Gebirgszügen der Quebrada de Humahuaca, wo Mineralien in den unterschiedlichsten Farbabstufungen leuchten. Entlang der Strecke gibt es keine Fünfsterne-Resorts, aber einfache, gute Unterkünfte und echtes argentinisches Landleben. Wunderbare Städte wie Cafayate und natürlich Buenos Aires runden das Programm ab.